Wir treffen Marion Rauter in ihrem Atelier in Graz Gösting, unweit von der Ruine Gösting entfernt und genießen den fantastischen Blick über die Stadt Graz sowie Stille, Natur und Ruhe. In Entfernung zum hektischen Stadtleben widmen wir uns den tiefen Einblicken, die uns Künstlerin Marion Rauter gewährt. Auf der 180 x 160 cm großen Leinwand im Atelier entsteht gerade ein Bild von Charles Bukoswki, dem amerikanischen Dichter und Schriftsteller. Im Gespräch erzählt sie über ihr Schaffen und was Helden anders machen als „normale“ Menschen.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Charles Bukowski porträtieren?

Auf der Leinwand entsteht das Porträt von Charles Bukowski.

Marion Rauter: Charles Bukowski war für mich immer schon eine sehr faszinierende Persönlichkeit. Die markanten Gesichtszüge mit den Falten und Barthaaren dieser imposanten Persönlichkeit machen ihn für meine Arbeit noch mal interessanter. Sehr viel Alkohol und Zigaretten gehörten zu seinem Leben. Mich beeindruckt, dass ein Mensch, der von außen betrachtet gar nicht bei sich ist, Gedichte mit einem solchen Tiefgang schreiben kann. Vom Tellerwäscher bis zum Leichenwäscher hat er sämtliche Brotjobs gemacht, um sich das Überleben zu sichern. In Wahrheit war er immer Schriftsteller. Bis zu seinem 46. Lebensjahr hat er mit seinen Werken nichts verdient. Plötzlich ist es Schlag auf Schlag gegangen. Er ist bis heute eine Inspiration für ganz viele Schriftsteller.

Mich beeindruckt, dass ein Mensch, der von außen betrachtet gar nicht bei sich ist, Gedichte mit einem solchen Tiefgang schreiben kann.

Wie schaffen Sie es, das Wesen der Persönlichkeiten, die Sie malen so ausdrucksstark abzubilden, wie auch bei Charles Bukowski?

Ich höre mir Dokumentationen über sein Leben sowie Interviews und Gedichte an. Ich versuche, in das Leben der Person die ich male einzutauchen. 

Nach dem Thema Erkennen, dass Sie bis 2014 stark beschäftigt hat, folgte 2015 die Reihe Heroes. Mit Charlie Chaplin ist das Thema Humans stärker in den Fokus gerückt. Wie war die Reise bis hierher bzw. was haben Sie aus den einzelnen Phasen mitgenommen?

Alles, was ich male, hat mit mir und meinem Leben zu tun, auch wenn ich das früher gerne verleugnet habe. Im Zyklus Erkennen wurde mir das klar. Da gab es eine extreme Umbruchphase in meinem Leben. Meine Bilder haben sich stark gewandelt. Plötzlich habe ich zu bunten Farben gegriffen. Das habe ich jahrelang nicht getan. Ich begann mich mehr mit den Gaben von Menschen als mit deren Bürden zu beschäftigen. So kamen die Helden in mein Leben. Menschen, die mich inspiriert und fasziniert haben. Mit der Zeit wurde mir klar, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt. Alle Helden sind sehr authentisch. Sie sind einfach sie selbst.

Unsere „Helden“ haben den Mut, Wege zu gehen, die vor ihnen noch niemand gegangen ist. 

Sie hatten den Mut, Wege zu gehen, die vor ihnen noch niemand gegangen ist. Schicksalsschläge blieben auch dort nicht aus, aber sie haben an sich und an ihre Träume geglaubt. In der jetzigen Phase Humans geht es mir um die Menschlichkeit. Denn auch „unsere hochstilisierten Helden“ sind menschlich. Sie haben genauso ihre Themen, wie jeder andere auch. Ich wünsche mir, dass Menschen, die meine Bilder betrachten, daran erinnert werden, nämlich an ihre Menschlichkeit und an ihr Genie.

Alles im Flow.

Menschen, die meine Bilder betrachten, sollen an ihre Menschlichkeit und ihr Genie erinnert werden. 

Welche sind Ihre Lieblingswerke?

Am meisten beschäftigt mich immer das Werk, an dem ich aktuell arbeite. Am besten werden die Bilder, wenn ich im Vorfeld so aufgeregt bin, dass ich es gar nicht mehr erwarten kann, sie zu malen. Das entwickelt einen enormen Flow. Bei Charlie Chaplin oder Frida Kahlo hatte ich das Gefühl, nach einem Bild „noch nicht durch“ zu sein! Frida Kahlo habe ich gleich viermal gemalt und Charlie Chaplin zweimal.

Ihr Werk von David Bowie hängt hier im Atelier. Wie war diese Zeit?

Das war eine besonders schöne und intensive Zeit. Ich habe die ganze Zeit David Bowies Musik sowie Biografien und Interviews mit ihm angehört – nicht nur beim Malen. Meine große Tochter hat dann irgendwann gesagt: „Mama, ich bin so froh, dass das Bild fertig ist. Ich kann David Bowie nie mehr hören.“

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich noch nicht fertig bin, dann male ich einfach noch ein Bild von derselben Person. 

Wie zeigt sich das Neue bei Ihnen bzw. wie gehen Sie generell an Neues heran?

Eine Idee wächst in mir meist bereits am Ende des aktuellen Werks. Wenn ich allerdings das Gefühl habe, dass ich noch nicht fertig bin, dann male ich einfach noch ein Bild von derselben Person. Stellt sich das Neue ein, dann brauche ich in etwa einen Tag, wo ich Abstand gewinne. Das passt dann mit allen Dingen, die rundherum zu tun sind, also Leinwände bespannen, grundieren, vorbereiten. Auch Yoga und in der Natur sein hilft mir in dieser Phase.

 

Für die SW Jubiläumszeitung, die Anfang Juli erscheint, tauschen Künstlerin Marion Rauter und Steuerberaterin Doris Wagner die Rollen und sprechen über Erfolg, Ängste und das eigene Wirken. Neugierig? Gerne können Sie die Zeitung vorab bestellen.